editorial

"Wenn man sich mit einem langweiligen, unglücklichen Leben abfindet, weil man auf seine Mutter, seinen Vater, seinen Priester, irgendeinen Burschen im Fernsehen oder irgendeinen anderen Kerl gehört hat, der einem vorschreibt, wie man leben soll, dann hat man es verdient."
Frank Zappa


Zappa ist der Bartträger auf dem Titelfoto, der Brillenträger ist Arno Schmidt. Das Bild ist von RWLE Möller, der die beiden in eine Heidelandschaft platzierte. Vorschreiben lassen haben sich alle drei nichts – und von niemandem.

Sich den herrschenden Ideologien zu verweigern, weil sie die Interessen der Herrschenden widerspiegeln – das wäre der nächste Schritt. Und weitaus schwieriger. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es vor allem das Privileg  der Jugend, diese „große Verweigerung“ (Marcuse) zu proben. Die was von dieser Haltung in ihr Alter retten konnten, machen dann heute sowas wie diese Zeitung. Und das ganz „old-school-mäßig“ – auf Papier. Angesichts der online-dominierten Welt der Metropolen ist das fast anarchonistisch – mit dem Vorteil, wie der Fotoklassiker mit Zappa zeigt: Die revista lässt sich auch auf „dem Örtchen“ lesen. – Aber apropos „Jugend“: Diesmal überraschen wir Euch mit einer Neuerung – im Innenteil habt ihr das Produkt unserer U 30-Redaktion.

Eure „old-school“-Redaktion


Das Bild hat übrigens den Titel: "Totengrund oder Ich bin ein Heidediener, Blattanbeter, Windverehrer"

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"Wenn heute die negative Vergesellschaftung durch den Wert im Weltmaßstab an historische Grenzen stößt, steht ein neues Paradigma gesellschaftlicher Planung jenseits von Markt und Staat, jenseits von Wert und Geld auf der Tagesordnung."

Robert Kurz

Die Krise des Kapitalismus ist fundamental. Die Konsequenz zeichnet sich ab: Die „Lasten“ sollen die abhängig Beschäftigten und Erwerbslosen überall in Europa tragen. Und was Brecht 1935 zur Krise zu sagen hatte, wird wieder aktueller: „Die Roheit kommt nicht von der Roheit, sondern von den Geschäften, die ohne  sie nicht mehr gemacht werden können.“ Seine Konsequenz: „Sprechen wir von den Eigentumsverhältnissen.“ Wir machen das auch diesmal wieder nur hier und da, aber wir würden schon empfehlen, diese Frage bei dem einen oder anderen Artikel im Hinterkopf zu haben. Denn selbstverständlich bewegen wir uns mit Fragen nach einer Klimaschutzpolitik, den Maststallplänen oder der Arbeitslosenverwaltung auf dem Boden einer Ordnung, die keine tiefgreifenden Lösungen anzubieten hat.

Mit dem nächsten Heft steht ja ein Jubiläum an – es ist die 50. Ausgabe; damit wollen wir uns aber etwas Zeit lassen, d.h.: Wir legen mal wieder einen Drei-Monats-Abstand ein und das nächste Heft erscheint im September.
Von unseren Leser_innen erwarten wir:
1.) Glückwünsche,
2.) Geldgeschenke,
3.) oder vielleicht verschenkt Ihr mal ein Abo an Mitmenschen, von denen Ihr meint ...

Eure „old-school“-Redaktion


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"Freibier für alle macht beliebt, aber dann fährt der
Karren vor die Wand."

Guido Westerwelle

Wer den Karren vor die Wand fährt, ist ausgemacht. Dazu gehört in jedem Fall die Bundesregierung und ihr Vizekanzler Guido Westerwelle: Milliarden für die Banken und Kürzungen bei den Ärmsten. Laufzeitverlängerung für AKW statt Energiewende. Rohstoffkriege statt globaler Ausgleich.


Thomas Gebauer (medico international) hat das so kommentiert: „Wer noch immer behauptet, zur Militarisierung von Außenpolitik und zu all den Sparpaketen, die der immer größer werdenden Zahl von Ärmsten und Armen, ob in Afrika, Griechenland und nun erneut in Deutschland aufgenötigt werden, gebe es keine Alternative, setzt nicht auf Aufklärung, sondern auf Irreführung. Es sind Interessen, die in solchen Vorschlägen zum Ausdruck kommen. Interessen, die nicht die Interessen derjenigen sind, die auf sozialen Ausgleich und die Verwirklichung globaler sozialer Rechte drängen.“ Das Titelbild ist aus dem animierten Kurzfilm Wake Up, Freak Out – and then Get a Grip, der das Weltklima gefährlich nahe an einem sogenannten "tipping point" sieht, einem Kipppunkt, nach dem wirklich katastrophale Folgen unvermeidbar sind. Er ist zu finden unter www.cinerebelde.org

eure revista


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"Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik [...] sollte [...] den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann."

Theodor W. Adorno

 

Wir wundern uns nicht, wenn demnächst Häuser brennen, in denen türkische Familien leben – die Hetze gegen Menschen islamischen Glaubens hat die Grenze überschritten, wo die Brandreden in Brandstiftung übergehen. Und wir scheuen uns nicht, hier zu sagen: Verantwortlich werden sein die Herren Sarrazin und Seehofer und alle, die diese Formen von Rassismus für diskussionswürdig halten.

Dass sich in unserer kleinen Stadt bisher niemand berufen fühlte, in den Reigen der Anti-Islam-Front einzusteigen, is fest ein Wunder. Nun haben wir das Glück, dass „unsere“ Kurdinnen eben kein Kopftuch tragen. Wir halten nichts von religiöser Sinnstiftung, egal welcher Art, aber noch weniger halten wir davon, dass die Mächtigen Menschen wegen ihres Glaubens gegeneinander aufhetzen.

Ohne Angst verschieden sein – davon ist diese Gesellschaft weit entfernt, auch wenn eine Frau Kanzlerin, ein Schwuler Außenminister und ein Rollstuhlfahrer Finanzminister ist.

Bis zum nächsten Jahr - eure revista{jcomments on}

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„Wir erleben das Paradox einer Gesellschaft von Arbeitern ohne Arbeit, in der die Ablenkung, der Konsum, das Vergnügen nur noch den Mangel daran beklagen, wovon sie uns eigentlich ablenken sollten.“

Unsichtbares Komitee

Einem Teil dieser Ausgabe liegt ein Prospekt von ALDI bei, nein – es ist ein informierender Fake der Christlichen Initiative Romero. Obwohl wir bekanntlich den aufklärenden Charakter des Christentums eher gering schätzen, finden wir diesen Werbezettel plakativ  solidarisch mit den Arbeiter_innen, die aktuell „unseren“ Konsumschrott produzieren.

Im lesenswerten Text „Der kommende Aufstand“ des Unsichtbaren Komitees (edition nautilus, aber auch als pdf im Internet) mögen manche ein Gegenargument finden. Danach würden allgemeine Appelle an „bio & fair & C02-neutral“ nur darauf abzielen, die Logik der kapitalistischen Welt überleben zu lassen, „indem sie sich den Anschein eines historischen Bruchs gibt.“ Das gilt wahrlich für viele Vertreter_innen dieser grünen Selbstkontrollmaschinerie; aber: Befreiung geht nur internationalistisch und solidarisch, was auch heißt  im Wissen um die Arbeits- und (Über-) Lebensbedingungen im „Süden“. Und deshalb ist das Unsichtbare Komitee mit Sicherheit nicht dafür, bei ALDI zu kaufen und im Weltladen zu klauen – sondern umgekehrt; und weitergehend: daran zu arbeiten, dass es die  Weltläden am bestens irgendwann nicht mehr braucht.

Und noch was: Mehr oder weniger hintenrum haben wir von einer Kritik an den Thesen zur ezidischen Religion gehört, die im letzten Heft im Interview von der Religionswissenschaftlerin Ina Wunn vertreten wurden. Gern hätten wir eine Replik veröffentlicht, nur: Es  gibt sie nicht.

Bis denn – eure revista

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„Es ist gut leben im Celler Land. Welt und Umwelt sind hier in Ordnung.

CDU

Mit diesem Slogan warb die Celler CDU in den 1970er Jahren für sich und die Stadt. Ein grundkonservatives Lebensgefühl, das sich hierin spiegelt. Doch auch dieses hat seit langem Risse. RWLE Möller hat dies mit seinem Ölbild „Celler Welt“ (aus dem Jahr 1981) thematisiert. Er persifliert die erste bekannte bildliche Darstellung Celles aus dem Jahr 1662 – darauf ist Jesus zu sehen, der eine Weltkugel in der Hand hält, in der die Betrachter_ innen Celles Schloss sehen können. Bei Hörstmann ist es das Karstadt-Gebäude – der Sündenfall der Celler Altstadtgesichte, jedenfalls für das konservative Milieu. Es beschreibt sein zentrales Problem: Eigentlich soll sich nichts verändern, weil doch alles gut ist.

Es gibt eine »Legende« zur ersten Präsentation von Möllers Hörstmann-Bild: Die Krawatte wurde als SS-Symbolik fehlinterpretiert. Der Oberbürgermeister soll sich darob zutiefst beleidigt gezeigt und für einige Tage krankgemeldet haben. – Dabei handelte es sich »nur« um jene Krawatte, die dem OB durch ein seinerzeit in Celle stationiertes britisches Fernmelderegiment überreicht worden war - und darauf als Teil der Regimentssymbolik die Zick-Zack-Linie. Gerade die Überinterpretation (der Legende) verweist darauf, dass sich Hörstmann seiner Geschichte im NS nicht stellen wollte – genauso wenig im übrigen wie sein Milieu. So ist es vielleicht nicht ganz so erstaunlich, dass Beschäftigung mit Lokalpolitik in Celle eigentlich auch immer heißt: Beschäftigung mit »Geschichte«.

Bis denn – eure revista

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„Die Situation schreit nach einem Weltaufstand der Vernunft. Nach einem kollektiven Griff zu einer Notbremse in einem Skinkansen, der im Blindflug rast und die Welt in eine materielle und seelische Trümmerlandschaft zu befördern droht. Nach einem Nein zu Wachstumswahn und Technikgläubigkeit.“

Lars Petersen in «Lunapark21»

Skinkansen sind japanische Höchstgeschwindigkeitszüge, die als enorm sicher gelten und sich gar nicht einmal durch Höchstgeschwindigkeitsrekorde, sondern vielmehr durch eine hohe Reisegeschwindigkeit und bisher auch Sicherheit auszeichnen. Und wahrscheinlich geht es tatsächlich nicht einmal mehr um das Problem des »höher – schneller – weiter«; die normale »Reisegeschwindigkeit« in den Metropolenstaaten muss radikal reduziert werden.

Es hat den Anschein, als wenn die neuen sozialen Bewegungen der 1970/80er in allem Recht behalten – nur: sie sind nicht mehr »neu«, sondern ihre Akteure sind »grau« geworden & das betrifft in großen Teilen auch die Anti-AKW-Bewegung.

Das Auffallendste an den Fukushima-Protesten ist das Fehlen irgendeiner Form von Jugend. Nirgendwo in der Republik gab es eine erwähnenswerte Schüler- oder Studierenden-Demo. Und in Celle wird die größte »Versammlung« im Jahr der größten Reaktorkatastrophe der »Abi-Umzug« werden mit vielleicht 700 Teilnehmenden. Nicht mal eine Handvoll von ihnen hat sich an den Fukushima- Mahnwachen beteiligt. - Aber vielleicht hören sie dann ja auf ihrer Party-Trucks den REM-Klassiker »It’s the end of the world as we know it« & brüllen mit »And I feel fine« - ohne zu wissen warum.

Bis denn – eure revista

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„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.

Walter Benjamin

Für Fans von Risikoberechnungen sei an dieser Stelle kurz angemerkt: Nach den USA (1979), der SU (1986) und Japan (2011) ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die nächste Kernschmelze in Westeuropa fällig ist – dafür spricht die AKW-Dichte mit 121 AKW, wovon immer noch 9 bei uns in Deutschland »laufen«.

Vielleicht könnt ihr es vor diesem Hintergrund verkraften, dass sich ein Großteil unserer Artikel wieder mit (lokalen) energiepolitischen Fragen beschäftigt. Und dass ansonsten – nach wie vor – Schlachthof & Mastställe themengebend sind, ist klar.

Dann steht 9/11 die Kommunalwahl an. Bekanntlich sind wir der Auffassung, dass Wahlen (in Deutschland) nicht wirklich etwas ändern – aber die kommunalpolitischen Akteure müssen sich vorher mal »sammeln«, worauf wir in diesem Heft einen ersten Blick werfen wollen. Dass es auch nach der Sommerpause eine neue revista geben wird, ist der RWLE Möller-Stiftung zu verdanken. Die hält soviel auf die »Preßfreiheit«, dass sie uns mit einem Zuschuss am Leben hält. Nehmt euch ein Beispiel, ihr Leser_innen! Kontonummer unter Menüpunkt Unterstützung.

Schönen Sommer wünscht  – eure revista

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„Geld ist eine Waffe. Politik ist zu wissen, wann man abdrückt.

Don Corleone

Vieles, sehr vieles im Leben passiert unbewusst. Irgendwie gefiel uns ein Bild des Paten als Aufmacher für eine Nachwahlbetrachtung. Erst beim Ausdruck fiel uns das Menjou-Bärtchen auf & dann auch, woran es uns erinnerte: An die Wahlplakate von Olli »Bürger» Müller. Und ob nicht tatsächlich das neue Ratsmitglied in vielleicht 20, 25 Jahren zu einer Ähnlichkeit ...

Aber lassen wir das, denn irgendwann, möglicherweise aber auch nie, werden wir ihn vielleicht bitten müssen, uns eine kleine Gefälligkeit zu erweisen. Im Übrigen: »Bürger« - das hatte Klasse, weil wir uns selbstverständlich sofort an Robespierre, Danton und St. Just erinnerten.

Herman zu Danton: "Ihr Name, Bürger."
Danton: "Die Revolution nennt meinen Namen. Meine Wohnung ist bald im Nichts und mein Name im Pantheon der Geschichte."
Büchner – selbstverständlich: "FRIEDE DEN HÜTTEN! KRIEG DEN PALÄSTEN!"

Mit »Bürger« Müller wird unsere kleine Welt hoffentlich ein bisschen bunter: Glückwunsch!
Freuen tun wir uns mit Behiye Uca – denn es ist nicht ganz ohne Symbolwert: als erstes Mitglied der kurdischen community im Stadtrat. - Schließlich wünschen wir noch Thorsten Müller, dass er nicht zuviel Zeit sinnlos im Samtgemeinderat und Gemeinderat verbringen muss. – Und um auch die Frage zu beantworten: Wir sind bei den Grünen (in Teilen) differenzierungsfähig!

Bis denn  – eure revista

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Editorial

„Die Minderheit hat überall ein ewiges Recht, nämlich dasjenige, die Wahrheit zu proklamieren, oder das, was sie dafür hält.

Maximilien de Robespierre

Dieses Recht nehmen wir uns mit jeder Ausgabe der revista. Das kostet uns nicht nur einiges an Zeit, sondern leider auch an Geld. Wie ihr wisst, verteilen wir die Zeitung kostenlos. Das machen wir vor allem deshalb, weil ein Verkauf uns weitere kostbare Lebenszeit »rauben« würde.

Der Druck kostet Geld, auch wenn es sich durch den Verzicht auf Vierfarb-Hochglanz in überschaubaren Grenzen hält. Bezahlte »Anzeigen« nehmen wir nur von Freund_inn_en. Und aktuell droht mal wieder Ebbe in der Kasse.revista 57

Mittlerweile haben wir ja eine sehr ansprechende Online-Präsenz; Die kostet praktisch nichts. Aber: Wir kennen euch. Nur die wenigsten haben am Bildschirm den Nerv, mehr als kurze Meldungen zu lesen. Und bei allem, was euch nicht auf Anhieb interessiert, folgt ein Mausklick. Das ist, so hoffen wir, bei einer Printausgabe anders. Da blättert ihr bei einem langen Artikel zuerst weiter, aber irgendwann vielleicht auch nochmal zurück.

Deshalb möchten wir diejenigen, die unsere Arbeit schätzen, weil wir sie (und andere in dieser Stadt) mit Informationen und Anregungen versorgen, auffordern: Tätigt mal wieder eine Überweisung, auch wenn wir euch keine Spendenquittung geben. Ansonsten veranstalten wir am 29. Dezember im Bunten Haus eine Benefiz-Party. Da wollen wir Scheine sehen!

Bis denn – eure revista

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